Prioritäten setzen

In letzter Zeit ist mir vermehrt aufgefallen, dass man als Mutter, die mit einem Kind draußen unterwegs ist, eigentlich garnichts mehr darf.

Vor kurzem wurde eine Mutter aus unserer Krabbelgruppe im vorbeigehen angeraunzt, weil sie das Handy in der Hand hatte während ihr Sohn neben ihr die Enten fütterte. Sie solle ihre Prioritäten neu setzen und sich für Kind oder Handy entscheiden.

Vor zwei Tagen sprach uns dann eine andere Mutter auf dem Spielplatz an, die mit ihrem Handy Fotos von ihrem Sohn gemacht hatte. Sie habe nicht unsere Kinder fotografiert, wir sollten uns keine Sorgen machen.

Ja, dürfen Mütter denn heute garnichts mehr machen ohne hinterher die eigenen Taten zu hinterfragen und sich möglichst noch zu entschuldigen?
Ist unsere Gesellschaft an einem Punkt, wo hinter jeder Ecke nur das Böse gesehen wird, selbst wenn eigentlich Nichts passieren kann?

Die unverschämte Aussage der Frau im Park ist vielleicht nachzuvollziehen, allerdings ist jene Mutter keine Smartphone-Mom die nur am dauertippen ist, sondern schaute nur kurz auf ihr Handy, um den kurzfristig geänderten Treffpunkt zu erfahren.
Sollten wir also unser Handy garnicht mehr in die Hand nehmen, aus Angst jemand könnte genau in diesem Moment um die Ecke kommen oder uns anschauen?
Wirkliche Dauernutzer überzeugt man ohnehin (oder erst recht) nicht mit einem derart ruppigen, persönlichen Angriff! Schlechte Laune hin oder her.

Das Erlebnis auf dem Spielplatz ist ein ähnlicher Fall, denn tatsächlich haben wir alle erstmal geschaut und sie beim fotografieren beobachtet.
Die Frage ist: was soll passieren?
Selbst wenn eines unserer Kinder auf dem Foto einer fremden Familie zu sehen ist. Was dann?
Selbst wenn diese Frau das Bild bei Facebook und Co einstellt. Na und?
Niemand wird jemals das Gesicht eines Kindes im Hintergrund mit einem Namen verbinden. Zumindest ist es sehr unwahrscheinlich.
Und anderswie pervers wird die Gute auch nicht gewesen sein. Und überhaupt, alle Kinder waren schließlich bekleidet und das sogar mit Jacken!
Nun aber die Frage: Was, wenn es ein Vater gewesen wäre?
Traurig, was dieser Gedanke bei den meisten von uns auslöst.

Wie kommt es, dass wir etwas sehen und es sofort mit einem negativen Verhalten verbinden?
Sollten uns solche Vorkommnisse nicht zum Nachdenken anregen?
Vielleicht denken wir dann das nächste Mal anders, wenn eine Frau auf dem Spielplatz ihr Handy zückt.

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3 Gedanken zu “Prioritäten setzen

  1. Also Handys hat heutzutage scheinbar jeder in der Hand. Sie ersetzen so vieles. Kalender, Videokamera, Kommunikationsmittel, Datenspeicher und und und… Gerade erst am Wochenende musste ich sehr lachen. Wir waren auf einem Erlebnishof. Dort gab es eine große Rutsche. Die Kinder rutschten und johlten vor Freude und am Ende der Rutsche eine riesige Traube Eltern, alle mit Handys in der Hand, wie sie ihre Kinder dabei filmten. Das Bild war für die Götter!!

    Ich muss aber gestehen, in Zeiten von Facebook und Co, wo die Plattformen quasi das Recht an den von uns geposteten Bildern gepachtet haben, muss es aus meiner Sicht auch nicht unbedingt sein, dass mein Kind da gepostet wird, während ich selber so sehr darauf achte, dass es dort eben nicht auftaucht. Was einmal drin ist,bekommt man nicht wieder weg. Ist leider so.
    Wenn es mal eher schwer zu erkennen im Hintergrund ist, finde ich das auch nicht schlimm, aber ich finde es auch nicht schlimm, wenn da mit Rücksicht umgegangen wird.
    Wenn da jemand für den Privatgebrauch Fotos macht, ist mir das hingegen egal.

    Anfang des Jahres war es tatsächlich so, dass mein Mann und mein Sohn im Hintergrund zu sehen waren von irgendeinem Politiker, das Bild ging durch’s Netz und wir wurden von verschiedenen Leuten darauf hingewiesen. Ich war hin und hergerissen. Irgendwie fand ich es lustig und auch nicht schlimm, aber gleichzeitig auch ein bisschen erschreckend.

    Ich finde auch, es gibt Situationen, da ist man mit seinem Urteil wirklich vorschnell und man sollte da definitiv wieder etwas vorsichtiger sein und nicht aus den Augen verlieren, dass Zeiten sich ändern und Dinge auch normaler werden. Spielt die Mutter im Park dennoch mit ihrem Kind und schenkt ihm Aufmerksamkeit. Was soll’s, wenn sie sich mal 5 Minuten Internet-Handy-Auszeit gönnt, sie ist ija den Rest des Tages immer noch Mutter, aber eben auch Frau und Mensch….nun ja…

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    • Danke für deine ausführliche Antwort. Mensch, die ist ja länger als mein Beitrag ; ).
      Mit Facebook hast du natürlich recht.
      Die rechtliche Lage bei solchen „Hintergrundfotos“ ist ja aber umstritten. Erst vor ein paar Tagen habe ich einen Text einer Anwältin über eben dieses Thema gelesen. Dort hieß es, wenn man auf solchen Veranstaltungen Menschen im Hintergrund der Bilder hat, sollte man sie fragen, muss aber wohl nicht zwingend.
      Die vielen Graubereiche machen das alles wirklich schwierig.

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